Vier Uraufführungen als eindrucksvolles Bekenntnis zur Musik unserer Zeit
Dass ein Konzert mit einer Uraufführung endet, ist keine Seltenheit. Dass ein Abend gleich vier neue Werke erstmals vor Publikum präsentiert, dagegen schon. Das Komponistenporträt der Gezeitenkonzerte im Atrium der Kunsthalle Emden bot am Dienstag genau dieses außergewöhnliche Erlebnis und wurde damit zu einem eindrucksvollen Plädoyer für die Lebendigkeit zeitgenössischen Komponierens. Im Mittelpunkt stand der in Hamburg lebende Komponist, Pianist und Dirigent Ettore Prandi, dessen musikalische Handschrift sich in großer stilistischer Vielfalt und zugleich unverwechselbarer Eigenständigkeit präsentierte.
Das Komponistenporträt gehört seit Jahren zu den festen Konstanten im Programm der Gezeitenkonzerte und eröffnet seinem Publikum regelmäßig die seltene Gelegenheit, zeitgenössische Musik im direkten Dialog mit ihren Schöpfern zu erleben. Im Gespräch mit dem Organisatorischen Leiter der Gezeitenkonzerte, Raoul-Philip Schmidt, gewährte Ettore Prandi spannende Einblicke in seine kompositorische Werkstatt. Er sprach über prägende Begegnungen, den Einfluss nordischer Klangwelten und verschiedener Volksmusiktraditionen sowie über die Entstehung der an diesem Abend erklingenden Werke. Die Moderation verlieh den Kompositionen zusätzliche Tiefe und machte nachvollziehbar, wie persönliche Erfahrungen und kulturelle Einflüsse zu Musik werden.
Den Auftakt bildete die Bagatelle „An die verlorene Zeit“, die der künstlerische Leiter der Gezeitenkonzerte, Matthias Kirschnereit, mit großer Klarheit und poetischer Sensibilität interpretierte. Bereits hier offenbarte sich Prandis Tonsprache: melodisch geprägt, farbenreich und stets von einer großen erzählerischen Kraft getragen. Gemeinsam mit der ukrainisch-krimtatarischen Sopranistin Lilia-Fruz Bulhakova, der Geigerin Johanna Röhrig, dem Bratschisten Lucas Schwengebecher, dem Hornisten Tomás Figueiredo sowie Ettore Prandi selbst entstand ein vielseitiger Kammermusikabend auf höchstem Niveau. Alle Mitwirkenden begegneten den anspruchsvollen Partituren mit technischer Souveränität und beeindruckender musikalischer Gestaltungskraft. Den Reigen der Uraufführungen eröffnete die „Krimtatarische Rhapsodie“ für Gesang und Bratsche, in der traditionelle Melodien der Heimat Bulhakovas zu einem bewegenden musikalischen Bekenntnis verarbeitet wurden. Die Sopranistin überzeugte mit großer Ausdruckskraft und einer tief empfundenen Authentizität, die den Volkweisen eine unmittelbare emotionale Wirkung verlieh.
Nach der Pause folgten drei weitere Premieren in dichter Folge. Die Violinsonate verlangte Johanna Röhrig höchste Virtuosität und gestalterische Flexibilität ab, die sie mit beeindruckender Selbstverständlichkeit meisterte. Mit „Gāyanam“ schuf Prandi ein faszinierendes Werk, das krimtatarische Volksweisen, einen samischen Joik und Verse Dantes zu einem vielschichtigen Klangkosmos vereinte. Der Komponist dirigierte die Uraufführung selbst und führte die Musiker mit ruhiger Souveränität durch die komplexe Partitur, deren Klanglichkeit und emotionale Intensität das Publikum spürbar fesselten. Den Schlusspunkt setzte die ebenfalls uraufgeführte Dritte Klaviersonate. Ettore Prandi hat sie Matthias Kirschnereit gewissermaßen auf dem Leib geschrieben und darin für Kirschnereit wichtige biographische Einflüsse wie Mozarts A-Dur-Klavierkonzert oder ein namibisches Volkslied zitiert. Kirschnereit interpretierte die Sonate mit technischer Raffinesse, differenzierter Klanggestaltung und feinem Gespür für den architektonischen Aufbau, und sorgte so für einen überzeugenden Abschluss eines außergewöhnlichen Konzertabends.
Vier Uraufführungen, ein Komponist, der seine Musik selbst erläuterte und teilweise selbst interpretierte, sowie ein hochkarätiges Ensemble machten das Komponistenporträt zu einem der bemerkenswertesten Konzerte der diesjährigen Gezeitenkonzerte. Der lang anhaltende Applaus des Publikums galt nicht nur den hervorragenden Ausführenden, sondern auch dem Mut der Gezeitenkonzerte, der Musik unserer Zeit einen so prominenten Platz einzuräumen. Das Komponistenporträt bewies einmal mehr, dass zeitgenössische Musik dort ihre größte Wirkung entfaltet, wo sie im unmittelbaren Austausch mit ihren Schöpfern erlebt werden kann.






